„Hanaus Chancen in der neuen Dekade – Balance immer wieder neu austarieren“ Neujahrsansprache von Bürgermeister, Axel-Weiss-Thiel (SPD), Sozial- und Schuldezernent, anlässlich des Neujahrsempfangs in Hanau-Mittelbuchen

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Genossinnen und Genossen, 

das ist nicht nur ein neues Jahr sondern eine neue Dekade, zu der ich Ihnen alles Gute wünsche. Der Auftrag an mich heute lautet, ich soll über die Perspektiven im Bereich Kinderbetreuung und Schule im Zuge einer wachsenden Stadt Hanau sprechen. Bevor wir uns diesem Thema nähern: 2020 jährt sich das Ende des zweiten Weltkrieges, des Holocausts, der Nazi-Herrschaft, die Zerstörung Hanaus und hunderter Städte in Europa das 75ste Mal - am 19. März.

75 Jahre und älter sind in Deutschland noch 11 von 100 Menschen. In Hanau und in Mittelbuchen sind es sogar nur 9 von 100. Außer denen, die vor Krieg und Terror zu uns flüchteten, haben etwa 9 von 10 Einwohner Krieg nicht mehr selbst erlebt. Das ist historisch in der geschriebenen Geschichte Europas einmalig und wir sollten dafür sehr sehr dankbar sein!

Es gibt eine tiefe Kerbe in der Alterspyramide Deutschlands bei den Geburtsjahrgängen 1942 bis 48: So wenig Menschen eines Geburtsjahrgangs gibt es in Deutschland nicht in den 10 Jahren davor und nicht bei denen, die seitdem geboren wurden.

Wer fehlt da? Es sind nicht die Toten des Weltkrieges, nicht die der Gaskammern Es fehlen die Kinder: Die nichtgezeugten Kinder der Gefallenen und Gefangenen der Schlachtfelder, der Geflohenen, der Toten der KZ’s und der Bombennächte als der Krieg zurückkam zu seinen Verursachern, die tot geborenen oder früh gestorbenen Kinder des Hungerwinters 1946/47.  Auch diese nie geborenen Kinder und Kindeskinder sind eine fortdauernde Verpflichtung: Es darf nie wieder so weit kommen!

Neue Erkenntnisse im Mordfall des Christdemokraten Walter Lübcke zeigen uns: Es führt eine direkte Linie von den Gaulands und Weidels im Deutschen Bundestag über die Höckes im Thüringer Landtag zu den gewaltbereiten Rechtsextremisten und Rechtsterroristen hier in Hessen. Das muss jedem klar werden!

In Mittelbuchen lässt es sich gut leben, so sagt es einem eigentlich jeder – Mittelbuchener und Gäste.

Ein für den Ballungsraum eher ländlicher Charakter mit der Nähe zu allen wesentlichen Infrastruktureinrichtungen, die man so braucht,  bis hin zu den Angeboten der Metropole. Auch deswegen hat sich Mittelbuchen in den letzten zwei Jahrzehnten gut entwickelt. Ein stetiges Bevölkerungswachstum hat dazu beigetragen. In den letzten 5 Jahren knapp 5% - fast 180 Einwohner von Ende 2013 bis Ende 2018. Mittelbuchen gehört damit zu den Hanauer Stadtteilen, die sehr moderat wachsen, für die Verhältnisse im Rhein-Main-Gebiet – ähnlich wie Kesselstadt, Steinheim oder Klein-Auheim. Wesentlich stärker gewachsen, sind die Innenstadt und Nordwest oder Lamboy-Tümpelgarten und Großauheim und ganz zu schweigen von Wolfgang, das sich jetzt schon nahezu verdoppelt hat. Diese Zuwächse zeigen die Attraktivität unserer Stadt – sind aber auch dringend notwendig!

Das zeigt ein Blick auf die Demographie:

Die heute 56 - 65jährigen: „Best-Ager-Generation“, die „Babyboomer“ oder „Generation Gold“, wie Marketing-Experten sie auch nennen; im Durchschnitt und der überwiegenden Mehrheit (!) mit relativ hohem Einkommen, kaufkräftig und konsumfreudig, anspruchsvoll und statusbewahrend. Sie sind viele: Von 100 Einwohner gehören in Deutschland und in Mittelbuchen 14 zu dieser Altersgruppe und in ganz Hanau 12. Sie werden in dieser Dekade Jahrgang für Jahrgang das Erwerbsleben Richtung Ruhestand verlassen. In Mittelbuchen im Durchschnitt Jahr für Jahr 56. Die 16 - 25jährigen: Die sogenannte „Generation Z(ero)“: gerade mit Studium fertig oder auf dem Weg in eine Ausbildung; auf jeden Fall diejenigen, die in dieser Dekade Jahr für Jahr neu auf den Arbeitsmarkt gehen. Sie sind deutlich weniger: von 100 Einwohner gehören und Deutschland und in Mittelbuchen 10 zu dieser Altersgruppe und in ganz Hanau 11. In Mittelbuchen im Durchschnitt Jahr für Jahr 38.

Diese Entwicklung kennen wir seit langem als demographischer Wandel, allerdings meist diskutiert und verengt auf die Gefahren für Renten und Sozialversicherungen. Ein anderes Problem ist für uns in dieser Dekade wesentlich relevanter: Auf 10 Menschen, die ins erwerbsfähige Alter kommen, scheiden 15 aus dem Erwerbsleben aus – in Mittelbuchen, Jahr für Jahr. Fast ein Drittel weniger Köpfe, Hände und Füße. (In Deutschland 14, in Hanau 11).

Es fällt mittlerweile im Straßenbild auf: In Bussen wird um Erzieherinnen geworben, Handwerker werben auf ihren Firmenwagen um Auszubildende. Personalchefs von Altenpflegeeinrichtungen und Krankenhäusern fliegen um die Welt, um künftige Alten- und Krankenpfleger anzuwerben, Quereinsteiger werden als Lehrer angestellt. Die, die zuziehen, sind vor allem die jungen Menschen, die sich gerade auf dem Arbeitsmarkt etablieren. Sie werden zum wichtigen Standortvorteil Hanaus, damit wir auch in Zukunft hier bei uns gut leben können: Damit eine älter werdende Bevölkerung hier in Deutschland versorgt werden kann, bei Krankheit oder Pflegebedarf – damit der Handwerker kommt, wenn Ihre Heizung, Ihr Dach, Ihre Fenster kaputtgehen, damit Kinder gut betreut werden, wenn die Eltern arbeiten gehen.

Ja, wir haben auch einen erheblichen Strukturwandel in Teilen der Industrie, z.B. in der Automobilbranche mit Bedrohung der Arbeitsplätze. Aber über alles hat der Geschäftsführer der IHK Hanau-Gelnhausen-Schlüchtern aber recht, wenn er gerade in dieser Woche sagt, der grassierende Fachkräftemangel sei in dieser Region schon seit gut drei Jahren mit Abstand das größte Konjunkturrisiko.

Wir kommen in eine Dekade, die geprägt sein wird durch

- die Konkurrenz der Städte und Regionen um Arbeitskräfte, damit die Versorgung der vorhandenen Bevölkerung auch weiterhin sichergestellt wird und

- die Konkurrenz der Arbeitgeber um Nachwuchs.

Städte und Regionen, die auch in der Zukunft für ihre derzeitigen Einwohner attraktive Arbeits- und Einkaufsmöglichkeiten, Gesundheits- und Kulturangebote, einen attraktiven ÖPNV, gute Kitas und Schulen anbieten wollen, müssen

Städte und Regionen, die auch in der Zukunft für ihre derzeitigen Einwohner attraktive Arbeits- und Einkaufsmöglichkeiten, Gesundheits- und Kulturangebote, einen attraktiven ÖPNV, gute Kitas und Schulen anbieten wollen, müssen

- Wohnraum schaffen für neue Einwohner, die hier arbeiten wollen und

- ihnen Arbeitsplätze bieten, die attraktiv sind.

Das ist eine der wesentlichen Zukunftsaufgaben unserer Politik für Hanau in diesem Jahrzehnt. 

Wir brauchen Wohnraum für Rettungssanitäter und Krankenpfleger, Busfahrer genauso wie für Handwerker und Erzieher genauso wie für die IT-Spezialisten, Ärzte und Führungskräfte in Unternehmen.

(Die Menschen die hier sind und hier gearbeitet haben sollen ja bleiben!)

Die städtische Übersicht der noch freien oder geplanten Wohnungsbauflächen und der im Bau befindlichen Wohnungen zeigt folgendes Bild (Stand Sommer 2019):

- Klein-Auheim: 46 Wohneinheiten (WE)

- Kesselstadt/Weststadt: 57 WE

- Mittelbuchen: 165 WE

- Nordwest: 170 WE

- Steinheim: 219 WE

- Lamboy-Tümpelgarten: 428 WE

- Südost: 498 WE

- Innenstadt: 509 WE

- Großauheim: 1.348 WE

- Wolfgang: 1.953 WE

Wir sind also gut vorbereitet und unser Ziel in Hanau heißt: bezahlbarer Wohnraum für Arbeitsnehmerinnen und Arbeitsnehmer verschiedenster Einkommensschichten!

Natürlich müssen wir auch dafür sorgen, dass dieser Wohnraum nachhaltig entwickelt wird:

- Dafür sorgen, dieses Wachstum schrittweise vom CO2 abkoppeln,

- Immer mehr regenerative und weniger fossile Energie

- Natur- und Grünräume schonen oder qualitativ ausgleichen, wenn Reduzierungen nicht vermeidbar sind.

Wir brauchen ein nachhaltiges Wachstum gerade im Interesse der Menschen die schon hier leben.

Diese Balance gelingt uns aber nicht

- mit einem Dauerwohnrecht für den einzelnen Feldhamster und die einzelne Mauereidechse

- und nicht, in dem wir bezahlbaren Wohnraum auf dem Dach der anderen statt vor unserer eigenen Terrasse fordern.

Zu einem nachhaltigen Wachstum gehört nicht nur die Umwelt sondern auch eine gute soziale Infrastruktur für Bildung und Erziehung für alle. Eine gute Kinderbetreuung und eine vielfältige Schullandschaft, die für alle bezahlbar ist und damit Zukunftschancen für alle Kinder ermöglichen soll sind seit Jahrzehnten Markenzeichen dieser Stadt. Dafür wenden wir mittlerweile rd. 30 Mio. € für Hanauer Schulen und 31 Mio. € für die Kinderbetreuung an laufenden Ausgaben auf. Lange vor dem Land Hessen hat Hanau die Vormittagsbetreuung der 3 - 6jährigen kostenlos gestellt. Weniger als 10% der Kosten werden heute noch durch Elternbeiträge gedeckt. Und die Schulen unterstützen wir bei der Schülerbetreuung.

Natürlich bedeutet Zuzug von Menschen auch mehr Kinder. Kinder, die in der Mehrheit nicht mitgebracht, sondern meist erst hier geboren werden. Zu den 26 städtischen Kitas planen wir in den nächsten Jahren stadtweit 9 neue in Hanau mit voraussichtlich über 34 Mio. € Baukosten. Eine davon mit 5 Gruppen hier in Mittelbuchen. 3,8 Mio. € an Baukosten sind dafür von 2020 bis 2022 vorgesehen.

Grund für den Bau in Mittelbuch ist allerdings weniger das Wachstum Mittelbuchens. Es geht hier vor allem um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Die Tatsache, dass immer mehr Elternteile heutzutage früh die Rückkehr in den Beruf anstreben und dadurch der Bedarf an Plätzen für Kinder von 1 - 3 Jahren steigt.

Die Büchertalschule ist eine hervorragende Schule des Main-Kinzig-Kreises für Wachenbuchen und Mittelbuchen. Es ist ja allgemein bekannt, dass wir hier in Hanau ein eigener Schulträger sind. Heißt nichts anderes als: Wir sind in Sachen Schule schon immer kreisfrei, das hat in der Vergangenheit sehr gut funktioniert und nichts spricht dagegen, dass dies nicht auch in anderen Aufgabenbereichen funktioniert. Die Büchertalschule bietet u.a. eine Ganztagsbetreuung, wie wir sie uns für alle Schülerinnen und Schüler in ganz Hessen als Mindeststandard wünschen.

Die Alterungsprozesse der ansässigen Einwohner in Mittelbuchen sowie Wachenbuchen und der Zuzug wird sich bei der Zahl der Grundschüler in etwa die Waage halten. Die vorhandene räumliche Kapazität der Büchertalschule wird deshalb ausreichen.

Anders sieht es in den wesentlich stärker von Zuzug geprägten Stadtteilen der Innenstadt und in Großauheim-Wolfgang aus. Insgesamt 9 Schulbaumaßnahmen allein im Grundschulbereich für über 47 Mio. € sind hier bis 2024 vorgesehen.

Der Weg Hanaus zur Großstadt wird auch die Vielfalt der Hanauer Schullandschaft erhöhen. Das beweist z. B. das Vorhaben einer privaten Initiative, in Hanau eine Waldorfschule ins Leben zu rufen. Auch bei den weiterführenden Schulen der Stadt Hanau wird die Vielfalt der Wege zum Schulabschluss größer. Derzeit diskutieren wir die strategischen Grundlinien der Schulentwicklung. Im Laufe des Frühjahrs erden wir eine konkrete Maßnahmenplanung vorzulegen. Sicher ist, dass wir auch hier etwa im mittleren zweistelligen Millionenbereich investieren werden.

Seit etwa zwei Jahrzehnten kennen wir den Begriff der Digitalen Revolution. Doch gravierende Wirkungen in der Arbeitswelt hatte diese Revolution noch nicht und an den Schulen ist sie bisher fast vollständig vorübergegangen. Das wird sich allerdings ändern. Ich bin froh, dass Bund und Länder nach drei Jahren der Diskussion es nun endlich geschafft haben, den Digitalpakt Schule auf den Weg zu bringen, damit unsere Kinder lernen, die Möglichkeiten der digitalen Technik sinnvoll und produktiv zu nutzen. Wir werden die Mittel dafür einsetzen, die städtischen Schulgebäude von dem nächsten Internetknoten bis in die Unterrichtsräume leistungsstark zu vernetzen. Über 13 Mio. € sind bisher dafür vorgesehen und knapp 10 Mio. € davon können wir durch diesen Digitalpakt refinanziert bekommen. Wir wissen aber auch, was auf uns als Schulträger nach diesen einmaligen Investitionen bis 2024 an laufendem Betrieb, Wartung, Unterhaltung und Instandhaltung dieses Netzes auf uns zukommt. War es bisher etwa eine halbe Million pro Jahr werden es ab 2025 etwa 4,2 Mio. € sein – Jahr für Jahr.

Infrastruktur zu bauen ist allerdings nur der erste Schritt. Sie muss auch betrieben werden und dazu braucht es Erzieherinnen und Erzieher in der Kita sowie Lehrerinnen und Lehrer in der Schule.

Das Land hat bekanntlich damit schon massive Probleme: Immer mehr berufsfremde Quereinsteiger werden an den Schulen als Lehrerinnen und Lehrer eingesetzt. Uns Kommunen und Freien Trägern ist dieser Ausweg im Kita-Bereich per Landesgesetz nicht erlaubt. Ich will das Fachkräftegebot in der Kinderbetreuung gar nicht in Frage stellen, aber der einfache Ausweg, den das Land für sich wählt, ist für uns versperrt. Wir werden weiterhin mehr steigende Mittel in Ausbildung, Arbeitsbedingungen und voraussichtlich auch Bezahlung verausgaben müssen.

Sie sehen, es gibt viel zu tun, wir packen es an. Es wird ein spannendes Jahrzehnt und ich bin mir sicher, dass wir – wie auch bei anderen Herausforderungen wie dem Klimawandel – am Ende des Jahrzehnts besser dastehen als heute. Die Aufgabe ist es, die Balance immer wieder neu auszutarieren:

- zwischen alt und neu,

- zwischen widerstreitenden Interessen,

- zwischen Zielkonflikten, die es nach wie vor geben wird.

Dazu ist sozialdemokratische Politik da:

- Den Ausgleich mehrheitsfähig und

- für die Minderheit erträglich zu machen;

- nicht konfliktfrei aber so,

- dass der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt und nicht geschwächt wird.

Uns allen alles Gute in dem neuen Jahrzehnt!

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