Herzliche Gratulation! 125 Jahre SPD Steinheim

Rede des Vorsitzenden des SPD-Ortsvereins Steinheim, Maximilian Bieri, anlässlich der Feierlichkeit zum 125-jährigen Jubiläums am 08.09.2017

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Gäste der SPD Steinheim,

ich darf Sie alle ganz herzlich zu unserem 125 jährigem Jubiläum begrüßen…obwohl ich gut 100 Jahre davon gar nicht erlebt habe. Ich darf Sie hier im schönen Marstall in der Historischen Altstadt von Groß-Steinheim willkommen heißen…obwohl ich selber nur aus Klein-Steinheim komme. Und ich darf in diesen politischen, historischen und sozial-kritischen Abend einführen…obwohl ich eigentlich Mathematiker bin. Man könnte auchsagen, die Latte hängt so hoch, dass ich nun einfach locker drunter durch spazieren kann.

Zu Beginn möchte ich ein paar Gäste besonders begrüßen. Ich darf Sie dabei bitten sich ihre Freude, die sie über das Erscheinen der jeweiligen Personen haben, aufzusparen, sodass wir am Ende gemeinsam allen einen großen Applaus spenden können.

Vor über 125 Jahren wurde die SPD Steinheim gegründet. Im Laufe der Zeiten haben viele große und kleine Personen zu dem Erfolg unserer Partei in unserem Städtchen beigetragen. Dank ihnen stehen wir heute hier wo wir sind. Wir können soweit schauen, weil wir auf der Schulter von Riesen sitzen. Und manche dieser Riesen werden heute Abend noch aus diesem ganz speziellen Grunde geehrt werden.

125 Jahre seit dem Anfang der SPD Steinheim. Anfang … für dieses Wort gibt es im Lateinischen zwei Begriffe. Initium, das bedeutet Beginn in einem zeitlichen Rahmen, in einem abgeschlossenen Sinne. Principium dagegen bedeutet den Beginn einer Grundlage, die immer weiter wirkt. In diesem Sinne war die Gründung der SPD Steinheim nichts Abgeschlossenes, die Sozialdemokratie wurde in all den Jahren und sie muss auch weiterhin immer wieder aktualisiert und neu buchstabiert werden. Es sind immer neue Herausforderungen, die wir anpacken müssen. Ausgehend von dieser Feststellung möchte ich kurz drei Aspekte vorstellen. Drei Aspekte einer zeitgemäßen, einer in die Zukunft weisenden Sozialdemokratie. Aspekte, die unseren weiteren Weg in den nächsten Jahren und Jahrzehnten begleiten werden.

  1. Zukunft der Arbeit

Die Gründung der SPD Steinheim fällt in die Zeit der 2. Phase der Industrialisierung, verknüpft mit den Begriffen Stahl und Strom. Heute stehen wir im Übergang zur vierten Phase, der Digitalisierung. Sie hat die größten Veränderungen des Lebensalltages auf beinahe allen Ebenen mit sich gebracht. Sogar bis zu den Flüchtlingsbewegungen 2015, die ohne Smartphones, also vor 10 Jahren, so wohl noch gar nicht möglich gewesen wären. Die Digitalisierung verändert unsere Erfahrungswelten, unsere Realitätswahrnehmung, ja sogar unsere Art zu Denken… denn im Internet bewegen wir uns nicht so geradlinig wie bei einem Buch...von links oben nach rechts unten.

Das klingt alles nach wahnsinnig überstürzten Veränderungen, nach etwas völlig neuem, nie dagewesenen. Und doch sind solche gewaltigen Veränderungen gar nicht so neu. Auch im 19. Jahrhundert machten die damaligen Leute die Erfahrung, dass sich Raum und Zeit veränderten. Durch die Eisenbahn konnte man sich plötzlich ohne Muskelkraft bewegen und der Telegraf erlaubte Informationen in kürzester Zeit über den ganzen Globus zu schicken. Auch damals erzeugten die neuen Technologien Hoffnungen ebenso wie Ängste, genau wie heute. Denn durch die Digitalisierung erhoffen wir uns mehr Information und Teilhabe, wir erhoffen uns Transparenz und Demokratisierung, Fortschritt und Wohlstand. Gleichzeitig erleben wir aber, wie die Kommunikation verroht. Was früher an Toilettenwände geschmiert wurde, wird heute im Netz gepostet. Und große Ängste richten sich auf die zunehmende Überwachung durch digitale Medien, auf die enormen Datenansammlungen.

Die Geschichte lehrt uns, dass es den Menschen gelungen ist die entfesselten Kräfte der Industrialisierung mithilfe eines Sozialstaates zu zähmen – so schwierig und konfliktbeladen das auch war und immer noch ist. Genau dies ist heute die große Aufgabe. Keine fatale Selbstauslieferung, sondern den Wandel menschengerecht gestalten, eine Art „soziale Digitalisierung“. Dabei geht es nicht alleine darum, den Leuten digitale Fertigkeiten beizubringen. Es geht vor allem um die Bildung kritisch-urteilsfähiger Persönlichkeiten. Denn auch bei immer mehr Digitalisierung bleibt doch vieles analog: unser Schmerzempfinden, die Freude über einen Tag voller Sonne, Sinn verstehen und kritisch urteilen, Moral, Ethik und Liebe. Soziale Digitalisierung bedeutet daher den Menschen 1.0 fit machen für die Welt 4.0, 5.0 und 6.0. Damit nicht die Computer die Menschen, sondern die Menschen die Computer beherrschen.

  1. Zukunft der Bildung

Zu den großen Erfolgsgeschichten der alten Bundesrepublik gehören die Bildungsreformen der 60er und 70er Jahre. Unter Willy Brandt sollte ich hier noch erwähnen. Die Idee dahinter war es Bildungsreserven zu heben. Das sprichwörtliche „katholische Mädchen auf dem Lande“ zu höherer Bildung zu bringen, ein Studium ermöglichen unabhängig vom Einkommen der Eltern. Diese Politik hat viel erreicht. Aber sie hat auch einige nicht erreicht: Teile der schrumpfenden Arbeiterschaft und bildungsferner Schichten und insbesondere Migranten. Die Chancen für den individuellen Aufstieg sind heute, wenn man auch manchmal anders liest, größer als je zuvor. Aber es hat keinen Zweck jemandem von der Eppsteinschule zu erklären, er könnte doch Abitur machen, wenn sein kulturelles Umfeld gar nicht darauf eingestellt ist. Er besitzt eine formale, aber keine echte Chance.

Hier müssen wir eine moderne Gerechtigkeitsphilosophie ansetzen, die Betroffenen proaktiv unterstützen. Ihre Eigenverantwortung stärken, damit aus formalen, echte Chancen werden. Bildungsgerechtigkeit herzustellen ist ein enorm mühsamer Prozess, Und auch wenn es zunächst sicherlich der richtige Schritt ist. Es ist nicht einfach nur damit getan, die Bildungsausgaben und Investitionen zu erhöhen. Die Methodik, die man in diesem Prozess ansetzt, ist ganz entscheidend.

Denn es gehört zu den unbequemen Wahrheiten im 21. Jahrhundert, dass nicht alles unbegrenzt rationalisiert und auf Wachstum getrimmt werden kann. Wir können und dürfen unsere Bildung nicht rein nach wirtschaftlichen Maßstäben betrachten … und doch fragt man sich ob die Einführung des 8-jährigen Gymnasiums, die Bologna-Reform oder der Ansatz der „Bildungsökonomie“ nicht ein wenig aus dieser Ecke stammen. Wer gestalten und Herausforderungen anpacken will, muss auch in der Lage sein, sich kritisch selbst reflektieren zu können. Und wir stehen vor großen Herausforderungen. Denn Willys Spruch „Bildung für alle“ bleibt auch weiterhin hochaktuell.

  1. Die Zukunft der Gesellschaft

Man hätte diesen Punkt auch Integration nennen können. Und dabei geht es nicht nur, aber auch um die Integration von Flüchtlingen. Ein Beispiel: Direkt nach dem Amoklauf in München wurde sehr viel auf Twitter dazu gepostet. Die verschiedenen Tweets wurden nun ausgewertet, indem sie grafisch visualisiert wurden. Jeder Tweet stand für einen Punkt, ein „Retweet „oder eine Bezugnahme wurde durch ein Verbindung zwischen den Punkten dargestellt. Da gab es auf der einen Seite die Tweets der Polizei München. Um diese Tweets hat sich wie eine Art Blase gebildet, von weiteren Tweets, Retweets und so weiter. In der Blase vertreten waren Spiegel, Welt, Zeit, so gut wie alle Medien, die Bezug auf die Informationen der Polizei nahmen. Man könnte auch von der „Faktenblase“ sprechen. Gleichzeitig gab es weitere Tweets wie „Merkel hat Blut an den Händen“ oder „Wir haben den Terror ins Land geholt.“ Und diese formten eine weitere Blase. Das erstaunliche ist, dass diese Blase fast genau so groß war wie die andere. Zwischen den beiden allerdings, gab es kaum Verbindungen, sie griffen nicht auf die Fakten der Polizei zurück.

Ich rede hier von einem Phänomen, was zwar zunächst nur im Internet geschehen ist, uns aber trotzdem zu denken geben sollte. Integration für die Zukunft bedeutet demnach auch eine Rückintegration von Leuten in die Welt der Realität, in die Welt der Fakten.

Anders formuliert: Wir müssen die Gesellschaft zusammen halten, nicht mehr und nicht weniger ist unsere Aufgabe. Das macht sich auch an vielen anderen Punkten deutlich. Jeder zweite Deutsche besitzt entweder kein Vermögen oder hat im Gegenteil noch Schulden … hier in Deutschland. Wenn wir hier von Integration reden, dann von Integration in den Wohlstand. Unsere Gesellschaft muss auf vielen Ebenen zusammengehalten werden.

Eine solche Politik der Integrationen braucht Mut. Sie braucht den Mut sich gegen die zu stellen, die Ängste verbreiten. Und sie braucht den Mut, selber nicht ängstlich zu sein oder zu werden. Nicht Wut-, sondern Mutbürger, auch hier in Steinheim … das brauchen wir.

Fazit

Aus diesen drei Aspekten lassen sich zwei Schlussfolgerungen ziehen:

  1. Es bleibt noch viel zu tun.
  2. Die SPD wird auch in Zukunft gebraucht, in Steinheim, Hanau, Kreis, Land und Bund.

Und deswegen freue ich mich schon auf die nächsten 125 Jahre und das 250. Jubiläum, auch wenn dann wohl jemand anderes die Begrüßungsrede halten wird.

 

SPD Hanau SPD Hanau
×
Menü